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Inerview mit Steffen Mühlhäuser

Richtige Strategie gefragt

Mit Hüpfern und Schleichern, dafür ganz ohne Würfel


Aus eins mach drei: Das variable KARO möchte kreative Spieler dazu animieren, vorhandenes Grundmaterial zu drei verschiedenen Spielen zu kombinieren.Mit dem Erfinder STEFFEN MÜHLHÄUSER (52) aus Krastel im Hunsrück sprach
ND-Autor ART KOHR über die Lust an der permanenten Veränderung.

ND: KARO lädt unter anderem dazu ein, aus den 24 variablen Platten,
die den Spielplan bilden, unterschiedliche Felder zu bauen?!

MÜHLHÄUSER: Ja, das Konzept von KARO ist die Zerlegung eines starren Spielfeldes in seine einzelnen Felder, so als würde man ein Schachbrett in 64 kleine Quadrate zersägen. Die einzelnen Quadrate können nun wieder je nach Spielvariante in alle Richtungen neu zusammengesetzt werden. Und nicht nur das: Bei einer der drei möglichen Versionen ist tatsächlich die Veränderung des Feldes Teil der Handlung und als taktisches Mittel einsetzbar.

Man kann also seine Spiele selbst zusammenpuzzeln. Das ist ja wohl so etwas wie ein quasi spielbasisdemokratischer Ansatz – indem Sie als Spieleerfinder vom Sockel des allwissenden Spielmeisters heruntersteigen?

Es gibt keine allwissenden Spielmeister. Was wir tun, das ist übrigens nicht Spiele zu erfinden, wir können sie höchstens finden. Alle Spiele sind schon da, sie sind nichts anderes als Zahlen. Ein Spiel zu entwickeln bedeutet lediglich, ein System von Zahlen ins Gleichgewicht zu bringen. Das kann jeder, dem so etwas Spaß macht.

Eine der Möglichkeiten, mit KARO ein Match auszutragen, heißt »Schleicher & Hüpfer«. Klingt lustig, worum geht es da?

An den beiden Enden eines länglichen Spielplans mit 8 x 3 Feldern stellt jeder Spieler sechs Steine seiner Farbe auf: drei davon mit der Markierung nach oben, die sogenannten Hüpfer, drei mit der Markierung nach unten, die Schleicher. Spielziel ist für jeden der beiden Konkurrenten, mit seinen sechs Spielsteinen als Erster das gegenüberliegende Ende der »Straße« zu erreichen.

Was können Schleicher und was die Hüpfer?

Schleicher bewegen sich ganz gemächlich immer nur ein Feld weiter. Hüpfer dagegen dürfen andere Spielsteine überspringen, auch mehrere hintereinander sitzende Steine in einem großen Satz. Leider bleibt ein Hüpfer nicht immer ein Hüpfer, nach jedem Sprung wird er umgedreht und verwandelt sich dadurch in einen Schleicher. Aber, keine Sorge, der Schleicher wird wieder zum Hüpfer, wenn er ein Feld weiterrückt.

Besagte Variante scheint in Bezug auf den möglichst schnellen Seitenwechsel ein wenig dem Halma-Prinzip zu folgen?

Seit Jahrtausenden müssen sich die Spieleerfinder mit einer Handvoll Spielziele begnügen: Figuren schlagen, Wettläufe gewinnen, bestimmte Muster bilden, möglichst viele Dinge sammeln, möglichst große Gebiete erobern. Der Seitenwechsel gehört zur Familie der Wettlaufspiele, und hier bei uns ist Halma der bekannteste Vertreter dieser Gattung.

KARO verzichtet auf Würfel. Viele Spieleerfinder tun das bei ihren Neuerscheinungen nicht, und sie bauen mit dem Würfel sehr gern das Glück ins Spiel ein. Warum?

Spielen war in seinem Ursprung oftmals ritualisierte Handlung, Nachstellung und Abbild des Lebens selbst. Das Spielbrett steht hierbei für die Welt, die Figuren für die Menschen. Der Würfel repräsentiert das unbeeinflussbare Schicksal, das uns zugeteilt wird. Diese uralte Grundkomponente des Spiels wirkt bis heute anziehend.

Ist der Hintergrund aber nicht eher peinlich als metaphysisch, weil nämlich viele Spieleerfinder gerade dem deutschen Publikum nicht zutrauen, sich für rein strategische Spiele zu begeistern?

Das hat mitunter den Anschein. So weist beispielsweise das indische Nationalspiel »Pachisi« ein weitaus größeres strategisches Potenzial auf als die bei uns bekannte Adaption als »Mensch ärgere Dich nicht«. Hier wird tatsächlich eine Verarmung der Spielmöglichkeiten manifest, nachdem das Spiel nach Europa gekommen ist. Trotzdem beobachte ich inzwischen wieder eine neue Hinwendung zu strategischen und halbstrategischen Spielen ...

... so dass Sie den Mut finden, den Menschen mit KARO etwas genuin Strategisches anzubieten.

Ich setze auf ein Nischenprodukt, klar. Das sind strategische Spiele, die zugleich abstrakt sind. Das jeweilige Thema versuche ich mit einfachen Materialien handwerklich so gut wie möglich umzusetzen und klar und schlicht zu designen. Ich vertraue darauf, dass es immer Menschen gibt, die etwas Derartiges schätzen.

Können Sie vom Spieleerfinden leben?

In Deutschland gibt es nicht mal ein Dutzend Leute, die ausschließlich von ihren Spielen leben. Alle anderen haben ein zweites Standbein. Ich arbeite nebenher als Grafiker.

Neues Deutschland - 7. März 2009 - Menschen und Leben